Veröffentlicht am 22.07.2023 · Aktualisiert am 10.09.2026
Ein Sonnenuntergang sieht mit bloßem Auge oft spektakulärer aus als auf dem Foto. Der Grund liegt meist nicht an der Kamera, sondern an Belichtung, Bildaufbau und dem richtigen Zeitpunkt. Hier erfährst du, wie du Farben, Silhouetten, Vordergrund und Dynamikumfang bewusst gestaltest – ohne starre Kameraeinstellungen.
1. Sei früher da – und bleibe länger
Die spannendste Phase beginnt oft schon vor dem eigentlichen Sonnenuntergang. Tief stehendes Licht modelliert Landschaften und Gebäude, lange Schatten bringen Struktur ins Bild. Nach Sonnenuntergang kann die Farbe am Himmel sogar noch intensiver werden.
Ich empfehle, mindestens 30 Minuten vorher vor Ort zu sein und nicht direkt nach dem Verschwinden der Sonne einzupacken. Gerade die Zeit danach kann fotografisch besonders interessant sein.
2. Belichte auf die hellen Bereiche
Die Sonne und der Himmel sind sehr hell. Wenn du nur nach dem Display gehst, wirken Aufnahmen schnell zu dunkel oder zu hell. Kontrolliere deshalb das Histogramm und achte besonders darauf, dass große helle Bereiche nicht ohne Zeichnung ausfressen.
Eine leichte Unterbelichtung kann die Farben kräftiger erscheinen lassen, sollte aber kein Selbstzweck sein. Entscheidend ist, dass du die hellen Bereiche schützt und später noch genügend Zeichnung in den Schatten hast.
3. RAW gibt dir mehr Spielraum
Bei Sonnenuntergängen ist der Helligkeitsunterschied zwischen Himmel und Vordergrund oft groß. RAW-Dateien bieten dir bei der späteren Entwicklung mehr Reserven in Lichtern und Schatten als ein bereits fertig entwickeltes JPEG.
Mehr dazu findest du in unserem Beitrag RAW oder JPEG – welches Dateiformat ist besser?.
4. Nutze den Vordergrund
Ein farbiger Himmel allein ist häufig noch kein starkes Bild. Suche nach einem Vordergrund, der Tiefe schafft: Steine, Pflanzen, ein Weg, ein Gebäude, eine Person oder eine Spiegelung im Wasser.
Ein dunkler Vordergrund kann auch bewusst als Silhouette funktionieren. Wichtig ist, dass die Form klar erkennbar bleibt.
5. Drittelregel ja – aber nicht als Pflicht
Den Horizont auf eine Drittellinie zu legen ist ein guter Ausgangspunkt. Wenn der Himmel spektakulär ist, darf er mehr Platz bekommen. Ist der Vordergrund interessanter, darf der Horizont höher liegen.
Die Drittelregel ist eine Gestaltungshilfe, keine Vorschrift. Entscheidend ist, welcher Bildteil die Geschichte erzählt.
6. Brennweite verändert die Wirkung
Mit einem Weitwinkelobjektiv zeigst du viel Umgebung und kannst Vordergrund und Himmel miteinander verbinden. Mit längeren Brennweiten wirkt die Sonne größer im Verhältnis zur Landschaft, und einzelne Elemente lassen sich stärker verdichten.
Wechsle deshalb nicht automatisch zum Weitwinkel. Manchmal ist ein Teleobjektiv die spannendere Wahl.
7. Blende passend zur Bildidee wählen
Es gibt keine Sonnenuntergangs-Blende. Für Landschaften sind mittlere Blenden wie f/5.6 bis f/11 oft sinnvoll, wenn mehrere Ebenen scharf wirken sollen. Möchtest du dagegen ein Detail vor dem farbigen Himmel freistellen, kann eine offenere Blende besser passen.
Sehr starkes Abblenden nur für maximale Schärfe ist nicht automatisch sinnvoll, weil Beugungsunschärfe die Detailzeichnung reduzieren kann.
8. Belichtungszeit kreativ einsetzen
Bei einem unbewegten Landschaftsmotiv ist die Belichtungszeit vor allem für die Helligkeit relevant. Bei Wasser, Wolken oder Menschen wird sie zum Gestaltungsmittel. Längere Zeiten können Wasser glätten oder Bewegungen sichtbar machen.
Wenn du mit längeren Zeiten experimentieren möchtest, findest du weitere Tipps im Beitrag Fließendes Wasser und Langzeitbelichtung.
9. Weißabgleich bewusst beurteilen
Automatischer Weißabgleich kann die warme Stimmung eines Sonnenuntergangs manchmal neutralisieren. Bei RAW lässt sich der Weißabgleich später flexibel korrigieren. Trotzdem lohnt es sich, schon bei der Aufnahme auf eine Vorschau zu achten, die zur tatsächlichen Stimmung passt.
10. Achte auf Wolken statt nur auf klare Himmel
Ein völlig wolkenloser Himmel ist nicht immer der spannendste. Wolken fangen Licht ein, erzeugen Strukturen und können die Farbe weit nach Sonnenuntergang tragen. Wechselhaftes Wetter ist deshalb oft interessanter als ein perfekter blauer Himmel.
Mein Praxistipp: Drei Varianten statt einer
Wenn die Lichtsituation schnell wechselt, fotografiere nicht nur eine Version. Mache bewusst drei Varianten: eine Aufnahme mit viel Himmel, eine mit starkem Vordergrund und eine mit Telewirkung. So bekommst du nicht nur mehr Auswahl, sondern lernst auch, wie stark die Bildwirkung durch Komposition und Brennweite verändert wird.
Sonnenuntergänge und Landschaften praktisch fotografieren
Die Grundlagen zu Belichtung, Blende, Zeit und ISO üben wir in unseren Fotografie-Grundkurs am 21.08.2027. Für Landschaft, Licht und Bildgestaltung bietet sich außerdem unser Fotokurs Müllerthal am 16.10.2027 an.
Häufige Fragen
Brauche ich ein Stativ?
Bei ausreichend kurzen Belichtungszeiten nicht zwingend. Für längere Zeiten, Belichtungsreihen oder die blaue Stunde ist ein Stativ sehr hilfreich.
Welche ISO-Zahl ist sinnvoll?
So niedrig wie sinnvoll, aber so hoch wie nötig. Freihand kann ein höherer ISO-Wert wichtiger sein als ISO 100 mit Verwacklung.
Soll ich die Sonne direkt fotografieren?
Bei tief stehender Sonne ist das üblich, dennoch solltest du nicht längere Zeit durch einen optischen Sucher direkt in die Sonne schauen. Bei spiegellosen Kameras blickst du auf ein Display beziehungsweise einen elektronischen Sucher.
Wann ist die Goldene Stunde?
Sie hängt von Jahreszeit, Ort, Wetter und Horizont ab und ist nicht exakt immer eine Stunde lang. Gemeint ist die Phase mit niedrigem Sonnenstand und warmem Licht rund um Sonnenauf- und -untergang.
Licht verändert alles
Beobachte nicht nur die Sonne, sondern auch Vordergrund, Wolken und Reflexionen.

